Über die Mathematik des Wählens

Zurzeit liefern die Institute ständig neue Umfrageergebnisse – manchmal gleiche mehrere an einem Tag – und wir erfahren, dass schwarz-gelb knapp vor rot-grün liegt oder auch umgekehrt. Leicht wird übersehen, dass diese Ergebnisse durch komplizierte Berechnungen aus Umfragen von wenigen hundert Menschen berechnet werden. Die Befragten müssen über einen Telefonanschluss verfügen und eben auch zu Hause sein. Dann spielt noch das Wetter eine Rolle, vielleicht noch der letzte Tatort und die Schuhgröße des Institutsleiters. Deshalb gehört eigentlich auch dazu, dass eine Fehlerbreite die Genauigkeit des Ergebnisses angibt. Das sehe dann so aus: CDU 40% +/-2%, SPD 26% +/-2%, FDP 6% +/-2%, GRÜNE 11% +/-2% usw. Danach könnte schwarz-gelb die Wahl gewonnen haben oder auch rot-grün, die FDP ist wieder drinnen oder eben auch nicht, die GRÜNEN rutschen unter 10% oder erreichen das beste Ergebnis aller Zeiten. Kaffeesatz-Lesen hat übrigens eine ähnliche Genauigkeit.

Zunehmend wird in den Medien auch über die Möglichkeit der Wahlenthaltung diskutiert, die Wahlbeteiligung hat schon bei den letzten Wahlen immer weiter abgenommen. Wer also mit dieser unsäglichen Klientelpolitik der amtierenden schwarz-gelben Regierung nicht zufrieden ist und aus Verärgerung über den Kandidaten der SPD oder den Veggi-Day der GRÜNEN zuhause bleiben will, sollte die Mathematik des Wählens verstanden haben.

Eine nicht abgegebene Stimme verschwindet nicht einfach, sie wird anteilig auf die kandidierenden Listen aufgeteilt. Die größte Liste erhält den größten, die kleinste natürlich noch ihren wenn auch kleinsten Anteil.

Empörend? Das liegt an der Mathematik. Das Ergebnis wird aus den abgegebenen gültigen Stimmen berechnet. Nichtabgegebene Stimmen verringern die Wahlbeteiligung, ungültige Stimmen nicht, beide spielen aber bei der Berechnung des Ergebnisses keine Rolle.

Ich will das am Beispiel der letzten Bürgermeisterwahl in Groß-Umstadt beispielhaft verdeutlichen. Unser Bürgermeister Joachim Ruppert wurde zwar von 85,2% der WählerInnen gewählt, aber nur von 34% der Wahlberechtigten. Das liegt an der Wahlbeteiligung von 41%. Die „Nichtwähler-Stimmen“ wurden anteilig auf die Kandidaten verteilt. Somit wurden aus 34% stattliche 85% und aus den 5% des Mitbewerbers knapp 15%.

Jeder Nichtwähler beteiligt sich auf diese Weise doch noch an den Wahlen. Er unterstützt die CDU als vermutlich stärkste Fraktion am meisten und hilft vielleicht mit seinem kleinen Anteil auch noch der FDP die 5%-Hürde knapp zu überspringen. Ist das wirklich so gewollt?

Inhaltlich gibt es natürlich viel zu den Programmen von SPD und GRÜNEN zu sagen und die Frage zu stellen, ob rot-grün es denn besser machen würden. Hier hilft Georg Christoph Lichtenberg:  „Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“

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