Über Heuchler und die Mathematik des Wählens

Erinnern Sie sich noch an die aufgeregte Diskussion um den Veggi-Day, der im GRÜNEN Wahlprogramm steht. FDP-Mitglieder haben in Berlin vor der GRÜNEN Bundesgeschäftsstelle demonstriert und auch die Groß-Umstädter FDP hatte Schaum vor dem Mund. Für Freiheit halten sie, jederzeit und in jeder Menge Fleisch essen zu können.

Die Zeitschrift Cicero hat jetzt süffisant die Frage gestellt, was gibt es eigentlich in der Kantine des Berliner Konrad-Adenauer-Hauses, dem Hauptsitz der Union, zu essen?

Zitat: „Wenn CDU und CSU gegen ein solches Rand-Thema – der Veggie-Day steht genau einmal im grünen Programm, ganz unten auf Seite 164 – die Freiheitskeule auspacken und auf den politischen Gegner eindreschen – es heißt ja Wahl-Kampf –, dann soll das sicherlich ein Bekenntnis zum liberalen Partner sein. Eine Demonstration der Zugehörigkeit zum Lager der Freiheit. Doch zu diesem gehört die Union nicht. Denn Christdemokraten wie -soziale sind der Bestimmung über das Wohl der Bürger nicht abgeneigt. Dazu muss man gar nicht ihr negatives Menschenbild betrachten, das Kind ihrer politphilosophischen Herkunft ist. Es reicht ein Blick in die Kantine im Konrad-Adenauer-Haus Berlin. Denn in der CDU-Parteizentrale serviert man freitags kein Fleisch. Statt mit Knochen hantiert man dort mit Gräten: An diesem Tag gibt es „immer ein Fischgericht“, lässt Pressesprecher Jochen Blind wissen.“

Den Einwand die kulturell gewachsenen Speisekartennormen sei nicht vergleichbar, lässt das Magazin nicht gelten: die Freiheit des Bürgers wird in jedem Fall eingeschränkt. „Lieber Herr Seehofer: Keine Bevormundung ist spießiger als kulturell gewachsene!“ Nachzulesen unter http://www.cicero.de/veggie-day-auf-ein-steak-bei-den-heuchlern/55635

Aber auch in andren Punkten wird geheuchelt. Die CDU suggeriert, die Wahl sei schon gelaufen und verspricht, Angela Merkel bleibt ewige Kanzlerin. Alle, die anderer Meinung sind, können eigentlich zu Hause bleiben. Die Wissenschaftler nennen das asymmetrische Demobilisierung. Die CDU hofft, bei einer geringen Wahlbeteiligung kann sich die skandalträchtigste Regierung aller Zeiten irgendwie über die Runden retten. Auch die hessische CDU versucht in Muttis Windschatten sich über die Ziellinie zu schleichen. Dabei verantworten CDU und FDP in Hessen eine Rekordverschuldung nie gekannten Ausmaßes in ihrer 15-jährigen Regierungszeit. Auf die von ihnen verursachten Probleme in den Schulen haben sie keine Antwort und die Energiewende fahren sie mit Karacho an die Wand.

Jetzt freuen sie sich über Umfrageergebnisse, die schwarz-gelb auch in Hessen wieder vorne sehen. Dabei ist allgemein bekannt, dass forsa als die Bildzeitung unter den Meinungsforschungsinstituten gilt: immer eine balkengroße Schlagzeile. Forsa liefert die krassesten Zahlen: die SPD mal unter 20% und die GRÜNEN bei 28%. Die ARD hat entschieden, bis zur Wahl keine Umfragen mehr durchzuführen. Jörg Schönenborn, Wahlmoderator der ARD, hält die Zahlen so kurz vor der Wahl nicht mehr für aussagekräftig. In der heißen Phase des Wahlkampfes sind die Themen präsenter und die WechselwählerInnen entscheiden sich teilweise neu.

Wir wollen keine Umfragen gewinnen sondern die Wahl. Dazu gehört, auch diejenigen, die sich nicht an der Wahl beteiligen wollen, für eine Stimmabgabe – möglichst für die GRÜNEN – zu gewinnen. Vielleicht hilft dabei die Mathematik. Unser Wahlsystem zählt nur die abgegebenen Stimmen. So wurde unser Bürgermeister Joachim Ruppert zwar von 85,2% der WählerInnen gewählt, aber nur von 34% der Wahlberechtigten. Das liegt an der Wahlbeteiligung von 41%. Mathematisch gesehen fallen die „Nichtwähler-Stimmen“ nicht einfach unter den Tisch sondern sie werden anteilig auf die BewerberInnen oder Parteien verteilt. Somit wurden aus 41% stattliche 85% und aus den 5% des Mitbewerbers knapp 15%. Bei Bundes- und Landtagswahl gilt die selbe Mathematik.

Wer also mit dieser unsäglichen Klientelpolitik der amtierenden schwarz-gelben Regierung nicht zufrieden ist und aus Verärgerung über den Kandidaten der SPD oder den Veggi-Tag der GRÜNEN zuhause bleibt, verteilt seine Stimme anteilig an die anderen Parteien. Davon profitiert die CDU am meisten, aber auch die FDP kann so noch über die 5%-Hürde stolpern. Ist das so gewollt?

Natürlich gibt es auch viel zu den Programmen von SPD und GRÜNEN zu sagen und die Frage zu stellen, ob wir es denn besser machen würden. Hier hilft Georg Christoph Lichtenberg:  „Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“

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